Wie exotisch klingt Software?

Bei einem Bekannten im Regal entdecke ich zu meiner Überraschung ein „Samba-Buch“. Er arbeitet als System-Administrator bei einem deutschen Fernsehsender in Berlin und ich hatte gar nicht gewusst, dass er sich auch für brasilianische Musik interessiert.
Es handelt sich bei dieser „Samba“ aber gar nicht um eine Musik, sondern um ein Netzwerkprogramm, „mit dessen Hilfe das SMB-Protokoll auf die Unix-Ebene abgebildet werden kann“. Hm. Das groovt.

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Nach kurzer Recherche stelle ich fest: das ist nicht das einzige technologische Programm, das sich den Namen von einem nicht-europäischen Musikstil geklaut hat. Es gibt die Tango solo DTP-Software, den Cha-Cha-Chat, die Salsa20 Stromverschlüsselungssoftware oder die Bebop Datenbank-Software. Alles akronymer Zufall?

Es ist für mich logisch, dass Musiksoftware sich mit Fachbegriffen wie Finale oder Komponistennamen wie Sibelius schmückt, um sich besser zu verkaufen. Aber oben genannte Programme haben weder mit Musik im allgemeinen, noch mit den Herkunftskulturen der Stile etwas zu tun. Durch solche klangvollen Titel versuchen die Entwickler vielmehr, das Image ihrer trockenen digitalen Programme aufzupolieren und Dynamik, Tempo, Rhythmus und coolen Lifestyle zu vermitteln. Vielleicht denken sie auch, das Gemeinschaftserlebnis bei Tanzveranstaltungen hätte einen Zusammenhang mit digitalen Netzwerkstrukturen?

Das funktioniert alles mit fremden Musikstilen anscheinend einfach besser. Es gibt meinen Nachforschungen nach noch keine Ländleroder SchuhplattlerSoftware. Dabei sind die Deutschen doch angeblich Exportweltmeister.

Aber wer weiß, ob sich die Wahrnehmung da nicht vielleicht doch noch mal dreht: eine Waltz Software und eine Polka Software gibt es schon. Die Einschläge rücken näher. Nur wird so wahrscheinlich irgendwann niemand mehr wissen, dass wir es ursprünglich mit Musik zu tun hatten.

 

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Kennst ja unsere Herzen…

Christ ist natürlich ein prima Markenname, um kostbare Weihnachtsgeschenke anzupreisen. Besonders reiche, weiße Männer sollen bitte für ihre Frauen viel Geld ausgeben. Damit das golden-weiß glitzernde Herz-Kettchen besonders hervorsticht, macht es sich gut an dem Körper einer schwarzgekleideten schwarzen Frau. Und ein schönes Weihnachtslied dazu verschleiert die wahren Umstände, die dahinterliegen: „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben…“

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Nein, dieses Geschenk „kann das nicht“. Es will es auch nicht. Ich glaube, es ist im Januar jetzt an der Zeit, falsche Gaben zurückzugeben, umzutauschen oder gar zurückzuweisen.

Zunächst einmal sollte sich Christ fragen, wie gut es eigentlich seinen Photoshop „kann“. Der weiße Mann, der hier herrisch die schwarze Frau am Bauch umfasst – die so gar keine Anstalten macht, seine Berührung zu erwidern – erscheint mir wenig überzeugend in das Bild montiert. Wo befindet sich seine rechte Hand? Drückt er der Frau wirklich seinen Handrücken in den Rücken?
Sein stürmischer, zu allem bereiter Gesichtsausdruck hat zudem etwas Vereinnahmendes, das im starken Kontrast zum verträumten Lachen der Frau hat. Lässt die alles mit sich machen, sobald der Klunker um ihren Hals hängt? Ihre Frisur ist außerdem in Analogie zu dem Herz-Kettchen geformt, wie auch das Dreieck Brüste–männliche Hand. Lässt sich diese schwarze Frau also auch einfach für 499,- Euro kaufen? Shopping 24/7? Wie heißt es nicht so schön in dem Lied: „Bring uns lieber Weihnachtsmann, bring auch morgen, bringe…“

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Wir wissen natürlich gar nichts über diese schwarze Frau. Da sie aber in so starkem farblichen Kontrast zum Rest des Bildes gesetzt ist, liegt es nahe, sie mit dem „Fremden“ zu assoziieren. Schwarzes Gold? Eine Afrikanerin womöglich?

Dann werden einer Frau Edelmetalle zurückgeschenkt, die vorwiegend von ausländischen Konzernen in afrikanischen Ländern geschürft werden. Ist ja wunderbar! In einer Zeit, wo in der Kultur die Frage heiß diskutiert wird, ob koloniale Güter aus europäischen Museen wieder an afrikanische Länder zurückgegeben werden sollen, inszeniert sich hier ein Hersteller als Heiland, der die Armen beschenkt, wenn die weißen Reichen das nötige Geld dafür geben. Na dann: „Doch du weißt ja unsren Wunsch, kennst ja unsere Herzen…“

Klangloses Menschenrechts-Jubiläum

Amnesty International hat in ihrem aktuellen Magazin ein fröhliches Wimmelbild mit allen 28 Artikeln der Menschenrechtserklärung abgedruckt. Das ist meiner Meinung nach eine feine Idee: übersichtlich, mit einem zwinkernden Auge und reproduziert kaum Stereotype, was bei der Vereinfachung der Visualisierungen sehr leicht passieren könnte. Ich frage mich nur: wo bleibt hier das Kulturleben der Menschheit? Unter den 28 Szenen des Bildes gibt es genau eine Szene, auf der ein Musiker erscheint. Theater und Tanz existiert gleich gar nicht. Von musizierenden Frauen ganz zu schweigen.

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Dabei ist so viel Gutes auf dem Bild zu entdecken. Die Gleichheit der Geburt verschiedener Menschen wird durch gleiche Kleidung der Babys symbolisiert. Die Ablehnung von Diskriminierung ist erstaunlich farbenblind gemalt. Der Ehebegriff ist selbstverständlich erweitert und kulturblind dargestellt.

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Aber gerade bei den Hochzeiten, fehlen die in den meisten Kulturen dazu gehörigen Gemeinschaftsfeiern. Die Religionszugehörigkeit wird ebenso ohne jedes Gemeinschaftsritual mit Gesang oder Tanz dargestellt. Unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung wird  nur die öffentliche Rede verstanden, nicht das Lied oder de Performance. Auch zur Freizeitgestaltung scheinen kulturelle Aktivitäten nicht zu gehören.

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Einzig bei dem Recht auf künstlerische Freiheit erscheint der Weiße Hippie mit der Gitarre. Dieser äußert sich zwar politisch, aber ist doch in westlichen Kulturen nie ernsthaft von politischer Verfolgung bedroht. Wie anders geht es da Musiker*innen in autokratischen und religiösen Staaten. Wären die nicht die besseren Personen an dieser Stelle gewesen?

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Und letztlich stellt sich mir schon die Frage, was für eine individualistisch-westliche Vorstellung hinter diesem Bild im Ganzen steckt, wenn Bereiche des Lebens wie der Glaube oder die Ehe, die kulturell ohne Gemeinschaft gar nicht zu denken sind, hier so abgebildet werden, als ginge es dabei nur um individuelle Entscheidungen von Einzelnen. Haben die so wichtigen Menschenrechte in unser Zeit überhaupt eine Chance, wenn sie nicht an die Gemeinschaft gebunden, von der Gemeinschaft diskutiert und von der Gemeinschaft getragen werden?

Das wundervolle Abenteuer der Patenschaft

Hi Tine,

Es freut mich, dass du dieses Jahr in Ghana gewesen bist und dein Patenkind dort besucht hast. Das ist für dich und mich auch so einfach und billig. Im Gegensatz zu deiner Augustine, die nicht so leicht ein Visum bekommen würde, selbst wenn sie das Geld hätte, dich mal zu besuchen.

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Super, dass du dir auch nicht zu schade warst, da am Dorfbrunnen mal so richtig mit anzupacken. Hattest kein Problem damit, dass du mit deinen blonden langen Haaren da etwas ins Schwitzen gekommen bist.

Dass dabei nur lachende Kinder um dich herumstehen sieht auch überhaupt nicht gestellt aus, nein. Schade nur, dass du uns nicht zeigst, wer diese riesige Aluminiumschale mit Wasser danach durch das Dorf getragen hat und wie.

Und dass du dann auch noch mit Augustine mal so richtig ernsthaft auf die Trommel geschlagen hast, kommt auch total authentisch rüber. Genauso kenne ich Ghana auch. So ganz im selben Puls schlagt ihr aber nicht – aber das nur so am Rande. Vielleicht lachen die anderen dich nicht an, sondern über dich?

Ich wünsche dir weiterhin viel „Kraft der Patenschaft“ und „wundervolle Abenteuer“ bei all der Reproduktion der rassistischen Stereotype, dass Afrikaner kindlich, verspielt, unterentwickelt sind und nur singen, trommeln und tanzen können.

Mach es besser, falls es dich wirklich gibt und du nicht nur eine fiese gecastete Marketing-Idee bist.

Nepomuk

Touristische Traumanalyse

„Statt träumen selbst erleben“, so bewirbt ein großes Reiseunternehmen seine „abwechslungsreichen Kulturreisen“. Ganz gleich ob Südamerika oder Afrika, die Berge sehen in der Ferne immer schöner aus als daheim. Das zieht besonders zu dieser Jahreszeit, in der hier alles nur grau-in-grau erscheint. Zum Programm gehören auch die Traumpreise, die das Reiseunternehmen von den Interessierten allerdings nicht nur erträumt, sondern real abkassieren möchte. Aber das soll ja nicht mein Problem sein.

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Interessanter ist doch, was die Veranstalter unter „Kultur“ verstehen und einem visuell unter die Nase reiben wollen. Das ist Landschaften, Tiere und fremd wirkende Menschen in bunten Klamotten. Die ihre Stoffe sogar noch selber weben – innig, leicht und tänzerisch sind sie da bei der Sache, wenn ich das richtig interpretiere.
Reisebusse und Flugzeuge, klimatisierte Hotels, geteerte Straßen und der Müll, den Touristen hinterlassen, sind anscheinend keine Kultur. Städte auch nur, wenn sie historisch und verfallen sind wie Machu Picchu.

Als „Höhepunkte der Reise“ empfinde ich anhand dieser Bilder jedoch die Nähe zwischen kulturfremden Menschen und wilden Tieren. Man könnte beinahe sagen, sie entsprechen sich. Lachende Frauen mit geöffnetem Mund neben Löwen mit geöffneten Mund. Eine schweigend nachdenklich sitzende Frauengruppe neben einem Affen, der ebenso fragend in die Welt schaut. Die Unterschiede verwischen.
Und ich frage mich – mit Freud im Hinterkopf – auf welche Traumsymboliken hier zurückgegriffen wird. Die Wildheit der fremden Kulturmenschen oder die Fremdheit der wilden Tiere? Was steht hier für was?
„Atemberaubend“ nennt der Reiseveranstalter sein Angebot im Verlauf der Anzeige auch noch. Es verschlägt mir bei den Bildern schon den Atem.

Verstörende Farben des Klezmers

Jüdische Klezmer-Musik ist Richtung Weihnachtsfest immer wieder populär, auch wenn die Musik so gar nichts mit dem christlichen Fest zu tun hat. Das Saxophon ist zwar nicht gerade das Instrument, dass ich mit dem Musikstil verbinden würde, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Es überrascht mich vielmehr, wenn bei der Eigenwerbung für ein Konzert die Farbkontraste Schwarz-Gelb verwendet werden. Zufall?

 

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Das waren schon in den 1930er Jahren die Farben des zwanghaft verordneten „Judensterns“, den alle tragen mussten, die von den Nazis als solche rassistisch klassifiziert wurden. Und was sollen auf diesem Plakat eigentlich die Flammen im Hintergrund sein? Brennende Synagogen?

Und wenn wir in die Richtung weiterdenken – erinnert sich jemand an das Nazi-Plakat zu „entarteter Musik“? Darauf ist das Saxophon in der Hand einer Karikatur eines Afro-Amerikaners im schwarzen Anzug zu sehen, der ebenfalls einen „Judenstern“ trägt. Noch so ein Zufall?

Ich könnte noch ergänzen, dass die Hälfte des „Judensterns“ sogar in den Bilddiagonalen dieses Werbeplakates zu erkennen ist. Natürlich schon wieder ein totaler Zufall.

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Für diejenigen, die sich vielleicht noch nie damit beschäftigt haben. In der Regel wissen die Klezmer-Gruppen, wie sie sich auf ihren Bildern präsentieren, ohne antisemitische Symboliken zu bemühen.

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Mentor & Protégé auf Augenhöhe

Übrigens geht es auch anders, als ich hier immer wieder dokumentiere. Das zeigt zum Beispiel das diesjährige Magazin Mentor & Protégé eines nicht unbekannten Uhrenherstellers, dem ich eine solche interkulturelle Sensibilität gar nicht zugetraut hätte.
In dem Magazin werden verschiedene Kooperationen zwischen jeweils zwei Künstler*innen vorgestellt, die gar nicht unterschiedlicher sein könnten.

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Da ist zum Beispiel der US-amerikanische Komponist Philip Glass und die japanisch-peruanische Komponistin Pauchi Sasaki. Sie sieht ihn ihrem Mentor „einen Seelenverwandten“ – äußerlich haben sie gar nichts gemein. Er ein 81-jährigen grauer weißer Mann mit Brille, sie eine junge zierliche Frau mit sichtbar asiatischem Gesicht und langen schwarzen Haaren. Er der Erfahrene von Altersweisheit Gezeichnete, sie die Lernende, die ihren Lebensweg noch vor sich hat.
Und wie inszeniert sie der Photograph Bart Michiels? Beide in unauffällig schwarzer Kleidung; Phil mal sitzend, mal hinter ihr stehend, aber nie so, dass er sie dominiert. Immer in einer ähnlichen bläulich-dunklen Bühnenumgebung unter gleichen Lichteinfall, so dass sie ein Gesamtbild ergeben.

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Am Ende sogar in einem Café so positioniert, dass sich die beiden wirklich auf Augenhöhe begegnen und dennoch jeder genug Freiraum um sich hat, um seine Persönlichkeit zu entfalten.

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Und das ist nicht der einzige Fall in dem Hochglanz-Magazin. Es geht weiter mit dem israelischen Tänzer und Choreographen Ohad Naharin und der südafrikanischen Tänzerin Londiwe Khoza. Erneut, was für ein Kontrast! Der weiße unrasierte Mann mit grauen Haaren und die junge schwarze Tänzerin mit langen Zöpfchen.
Aber auch die Photographin Tina Ruisinger weiß hier, was sie tut. Londiwe in Trainingsklamotten im gemütlichen Schneidersitz mit den Händen zwischen den Beinen und Ohad im Freizeitsdress mit den Händen in den Hosentaschen. Sieht so aus, als träfen sie sich gerade im Übungsraum. Lockerer geht’s kaum.

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Und nachdem beide auf einigen Seiten einzeln charakterisiert werden, dann ein Abschlussbild von beiden in einer Wettkampfhaltung. Auch wenn Ohads Arme deutlich stärker zu Londiwes Köper hinzudrücken scheinen – ihr Lächeln zeigt deutlich, dass sie die Situation unter Kontrolle hat und leicht ihren Partner wegdrücken könnte. Der muss sich nämlich ordentlich nach vorne lehnen, um auf seine Partnerin genug Kraft auszuüben. Das würde es ihr nicht schwer fallen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.

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So macht man das. Und ehrlich gesagt, das ist eigentlich gar nicht so schwer. Ein wenig Nachdenken beim Inszenieren und Fotografieren und schon spielen Alter, Geschlecht und Hautfarbe kaum noch eine Rolle. Sind fast nicht mehr zu sehen.